Ökologischer Fussabdruck eines Exotengärtners Gärtnern im Grenzbereich

Die dauerhafte Kultivierung exotischer Pflanzen in unseren Gärten erscheint aus ökologischer Sicht fragwürdig. Muss man sich als Exotengärtner schlecht fühlen? Wie groß ist der ökologische Fussabdruck wirklich?

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Immer wieder liest man Artikel über invasive Neophyten, die unsere einheimische Flora + Fauna verdrängen und unser Ökosystem so nachhaltig verändern. Hanfpalmen in Tessin werden hier gerne als ‚Paradebeispiel‘ herangezogen.

Als Exotengärtner fühlt man sich sofort angesprochen. Wird aus dem der naturverbundenen Garten-Hobby plötzlich ein naturfeindliches Hobby? Hinterlässt man als Exotengärtner ökologisch womöglich einen beträchtlichen Fußabdruck?

Ökologischer Fussabdruck

Der ökologische Fussabdruck (‚Ecological Footprint‘) eines Menschen berechnet sich über die 4 Kategorien ‚Wohnen + Energie‘, ‚Konsum + Freizeit‘, ‚Ernährung‘ und ‚Verkehr + Mobilität‘ und stellt die Fläche (in gha = globale Hektar) dar, die benötigt wird, um die benötigten Rohstoffe + den Energiebedarf des Menschen bereitzustellen.

Als Exotengärtner muss man sich insbesondere hinsichtlich Energiebedarf für exotische Pflanzen (Pflege- + Schutzbedarf) und Veränderung der heimischen Flora hinterfragen.

Energiebedarf für Pflanzen-Schutz + -Pflege

Exotische Pflanzen haben ggü. einheimischen Pflanzen oftmals einen stark erhöhten Pflege- + Schutzbedarf. Je höher Pflege- + Schutzbedarf sind, umso größer der ökologische Fussabdruck. Hierbei spielen vorallem Bewässerung + Düngung im Sommer (u.a. Versalzung des Bodens) sowie die Beheizung im Winter eine entscheidende Rolle.

Bzgl. Beheizung mal eine kurze Rechnung: eine Hanfpalme muss ca. ab -10°C beheizt werden. Selbst in den rauen Gegenden Deutschlands hat es derartige Minusgrade im Schnitt nur an ca. 10 Tagen pro Jahr. Setzen wir die durchschnittliche Heizdauer an diesen Tagen jeweils mit 12 statt 24h an (da die Temperaturen tagsüber höher liegen), so kommen wir auf ca. 120h Beheizung pro Saison. Ich persönlich beheize größere Palmen mit Heizkabeln mit einer Gesamtleistung von 320W. So kommt man auf einen Energieverbrauch von 38.4kWh (etwa 11€ pro Jahr). Beheizt man im Garten beispielsweise 10 große Palmen, so führt dies zu einem jährlichen Verbrauch von etwa 400kWh. Das entspricht etwa 10% des Energiebedarfs eines 4-Personen-Haushaltes oder auch einer knapp 3-stündigen Fahrt mit einem BMW i3…

Veränderung der heimischen Flora

Neben dem Pflege- + Schutzbedarf exotischer Pflanzen führen insbesondere sogenannte invasive Neophyten zu einer nachhaltigen Veränderung des Ökosystems. Invasive Neophyten sind exotische Pflanzen, die sich bei uns derart rigoros ausbreiten, dass sie einheimische Pflanzen verdrängen können.

Damit eine exotische Pflanze eine Bedrohung für unsere einheimische Flora darstellen kann, muss sie dauerhaft ohne menschliches Zutun bei uns überleben und sich vermehren können. Hierbei spielt neben der Winterhärte der Pflanze am jeweiligen Standort z.B. auch die Überlebens- + Keimfähigkeit der Samen eine entscheidende Rolle. Es liegt in der Natur der Sache, dass der Großteil der Exoten nicht eigenständig-überlebensfähig ist. Sonst würden sie bei uns häufiger ausgepflanzt und hätten sich längst eigenständig ausgebreitet. Die meisten Exoten können also alleine aufgrund fehlender Winterhärte keine Bedrohung für unsere einheimische Flora darstellen.

Wenn der Klimawandel aber weiter voranschreitet, wird das die Natur (und das heisst Flora + Fauna) verändern. Heute noch exotische Pflanzen + Tiere werden hier plötzlich ein für sie geeignetes Klima vorfinden. Und einheimische Pflanzen + Tiere kommen mit dem Klima hier nicht mehr zurecht, werden verdrängt + in Gegenden mit einem geeigneteren Klima ‚flüchten‘ oder auch aussterben.

Wenn die klimatischen Voraussetzungen geschaffen sind, wenn es also durch den Klimawandel eine ökologische Nische für eine nicht-einheimische Pflanze gibt, so kann man sicher versuchen, deren Ausbreitung bei uns (z.B. durch Verordnungen, Import- + Exportbeschränkungen oder Zölle) einzudämmen, aufhalten wird man sie dauerhaft aber vermutlich nicht. Im Gegenteil: die Globalisierung wird dies eher noch beschleunigen. Der Klimawandel wird also letztlich darüber entscheiden, ob + wie sich Flora (+ Fauna) bei uns in den nächsten Jahrzehnten verändern.

Neben den klimatischen Voraussetzungen zum Überleben einer exotischen Pflanze stellt sich die Frage, inwieweit sich der Exot gegen die heimische Flora durchsetzen kann. Viele Exoten sind immergrüne Pflanzen, wohingegen die meisten einheimischen Pflanzen laubabwerfend sind. Immergrüne Pflanzen können im Winter Photosynthese betreiben, also wachsen. Damit können sie sich im Wettstreit mit laubabwerfenden Pflanzen im Winter einen Wachstumsvorsprung erarbeiten, mit dem sie die laubabwerfenden Pflanzen auf Dauer verdrängen. Diesen Vorteil nutzen beispielsweise Hanfpalmen in Tessin, wo es im Winter vorzugsweise an Südhängen tagsüber immer mal wieder über 20° werden kann. Bei uns in Deutschland ist es dagegen in den allermeisten Gegenden im Winter so kühl, dass es praktisch nicht zur Photosynthese kommen kann, dass immergrüne Pflanzen im Winter also (noch) keinen Wachstumsvorteil gegenüber laubabwerfenden Pflanzen haben. Quantitative Untersuchungen zeigen, dass nur wenige der bei uns überlebensfähigen Exoten wirklich invasiv sind, also im Stande sind, sich gegen die einheimischen Pflanzen durchzusetzen und sie so auf Dauer bei uns zu verdrängen.

Falls ein Exot wirklich invasiv ist, so muss aus ökologischer Sicht noch unterschieden werden, ob dieser Neophyt einheimische Nutzpflanzen verdrängt oder ’nur‘ irgendwelche ‚unnützen‘ Pflanzen.

Und selbst, wenn ein Exot dann aus botanischer Sicht kritisch einzustufen ist, kann er aus anderen Gründen trotzdem Vorteile mit sich bringen. So kann der Exot z.B. aus zoologischer Sicht wertvoll sein, weil er das Nahrungsspektrum für bestimmte Tierarten erweitert, wie z.B. die Pollen der chinesischen Hanfpalme, die einer seltenen Fledermausart (Mystacina tuberculata) in Neuseeland als Nahrung dienen.

Fazit

Aus ökologischer Sicht sind eigenständig-überlebensfähige, nicht-invasive Exoten unbedenklich. Diese müssen weder im Garten gesondert gepflegt + geschützt werden noch können sie unserer einheimischen Flora gefährlich werden.

Alle anderen Exoten hinterlassen einen mehr oder weniger großen ökologischen Fussabdruck.

Was man dabei bedenken sollte: die Ausbreitung exotischer Pflanzen erfolgt nicht nur über den Menschen, sondern auch auf natürlichem Weg (z.B. durch Kotausscheidungen von Vögeln, Wind, …). Und die Anzahl der überlebensfähigen Exoten wird die nächsten Jahre alleine durch Klimaveränderungen sowie natürliche Kreuzung + Selektion im Zuge der Evolution weiter anwachsen.

Denn eins muss klar sein: es gibt bei uns inzwischen Unmengen an Pflanzen (z.B. Rosen) und Nutzpflanzen (z.B. Kartoffeln), die ursprünglich als Exoten zu uns gekommen sind und inzwischen dauerhaft-kultiviert als quasi-einheimisch gelten.

Daher: als Exotengärtner braucht man sich keinesfalls als ökologisches Monster fühlen.

Es macht aber sicher Sinn, wenn man die wenigen bei uns wirklich invasiven Exoten meidet oder zumindest mit Bedacht pflanzt und den Pflege- + Schutzbedarf durch angemessene Pflanzen-Wahl sowie effiziente Schutz- + nachhaltige Pflegemaßnahmen halbwegs im vernünftigen Rahmen hält.


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